INHALT:
- Der Leonardo da Vinci des Val Chiavenna
- Hände, die niemals stillstehen
- Auf der anderen Seite der Werkbank
- Gegen den Wind
- Der erste Bindestock
- Ganz ohne großes Aufheben
- Vor allem eines: Handwerker
- Die Geburt einer Legende
- Ideen haben keine Eile
- Der Luxus der Zeit
- Die Spitze des Eisbergs
- Wenn die Leidenschaft den Anker lichtet
- Am Ende: Franco
1. DER LEONARDO DA VINCI DES VAL CHIAVENNA
Franco Cottarelli. Wenn du Fliegen bindest und in den vergangenen zwanzig Jahren nicht gerade auf dem Mond gelebt hast, ist dir dieser Name mit Sicherheit mindestens einmal begegnet. Heute ist es praktisch unmöglich, einen Fliegenbindewettbewerb zu besuchen, ohne dort wenigstens ein paar seiner Bindestöcke auf den Tischen zu sehen.
Aber hast du dich schon einmal gefragt, wer eigentlich hinter diesem Namen steckt, der im Laufe der Jahre längst mehr geworden ist als nur ein Familienname und sich zu einer der bekanntesten Marken in der Welt des Fliegenbindens entwickelt hat?
Wenn du inzwischen genauso neugierig bist, wie ich es war, dann bleib dabei und lerne den Handwerker hinter der Marke kennen – und vor allem den Menschen hinter dem Handwerker.

Franco Cottarelli mit seiner historischen Sammlung alter Fliegenrollen
2. HÄNDE, DIE NIEMALS STILLSTEHEN
Am 22. September 1947 wird in Gazzo Veronese Franco Cottarelli geboren.
Schon als Junge zeigt Franco eine außergewöhnliche Neugier und eine ganz natürliche Begabung für alles, was sich bauen, zerlegen oder reparieren lässt. Wenn er einen Gegenstand vor sich hat, sieht er offenbar nie nur das, was er ist. Instinktiv scheint er sich zu fragen, wie er funktioniert, was sich in seinem Inneren verbirgt und vor allem, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gibt, ihn noch besser funktionieren zu lassen.
Auch das Angeln gehört schon damals zu seinen Leidenschaften, und so folgt ihm seine Neugier ganz selbstverständlich bis ans Wasser. Dort entstehen seine ersten kleinen Erfindungen rund ums Angeln – noch einfach und rudimentär, aber bereits Ausdruck dieses beinahe instinktiven Bedürfnisses, Dinge zu verändern, zu verbessern und mit den eigenen Händen etwas Neues zu schaffen.

Schon als Junge gehört das Angeln fest zu Francos Leben
Viele Jahre bleibt diese Begabung jedoch kaum mehr als ein Hobby, eine Leidenschaft, der Franco in seiner Freizeit nachgeht – zwischen Dingen, die er baut, und anderen, die er repariert. Gleichzeitig schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch, ohne bereits genau zu wissen, welchen Weg er einmal einschlagen wird. So vergehen seine Jugendjahre, bis – wie für viele junge Männer seiner Generation – der Zeitpunkt kommt, alles andere beiseitezulegen und zum Militärdienst einzurücken.

Franco beim Angeln mit der unberingten Stipprute
Nach dem Militärdienst kehrt Franco in den Alltag zurück. Eine Zeit lang scheinen seine Hände allerdings mit Musikinstrumenten vertrauter zu sein als mit den Werkzeugen einer Werkstatt. Gemeinsam mit einigen Freunden gründet er eine Band und hat Spaß daran, die Songs zu spielen, die damals eine ganze Generation begeistern: die Beatles, die Rolling Stones und die anderen großen Namen einer musikalisch einzigartigen Zeit.

Franco Cottarelli als junger Musiker – links in der orangefarbenen Hose
Doch die Leidenschaft für Mechanik ist immer da. Und genau sie weist ihm den Weg, als es darum geht, beruflich Fuß zu fassen. Franco findet Arbeit in einer mechanischen Werkstatt, und dort trifft seine natürliche Begabung endlich auf ein Umfeld, in dem sie sich wirklich entwickeln kann. Zwischen Maschinen, Werkzeugen, Metall und Präzisionsbearbeitung beginnt Franco, aus seiner angeborenen Neugier und seinem technischen Instinkt echtes fachliches Können zu machen.

Zahnrad der Synchron-Fliegenrolle
3. AUF DER ANDEREN SEITE DER WERKBANK
Die entscheidende Wendung ergibt sich beinahe zufällig. Einer der Maschinenlieferanten des Unternehmens, für das Franco arbeitet, stellt seinen Betrieb ein. Für Franco wird diese Schließung jedoch zur Chance. Er entscheidet sich, einige der Maschinen zu kaufen und einen neuen Weg einzuschlagen: Er macht sich selbstständig.
Es ist ein großer Schritt. Nach Jahren als Angestellter steht Franco nun vor seinen eigenen Maschinen und kann die Erfahrung und das Wissen, das er sich in der Werkstatt angeeignet hat, endlich auf eigene Rechnung einsetzen. So entsteht sein eigener Betrieb, der mechanische Komponenten für andere Unternehmen fertigt.
Und irgendwie schließt sich der Kreis beinahe sofort. Das Unternehmen, für das Franco bis dahin gearbeitet hatte – genau jene Werkstatt, in der er seine Fähigkeiten verfeinert hatte – wird zu einem seiner Kunden. Franco arbeitet also weiterhin für diejenigen, die noch kurz zuvor seine Arbeitgeber gewesen waren. Nur tut er es jetzt mit seinen eigenen Maschinen, in seiner eigenen Werkstatt und zum ersten Mal auf der anderen Seite der Werkbank.

Bei der Arbeit an der Drehbank
4. GEGEN DEN WIND
Im Laufe der Jahre wächst das Unternehmen. Franco fertigt mechanische Komponenten im Auftrag anderer Unternehmen und arbeitet für ganz unterschiedliche Branchen. Doch ein Auftrag gewinnt mit der Zeit immer mehr an Bedeutung: die Herstellung von Buchsen für Skischuhbindungen.
Die Aufträge nehmen zu – und mit ihnen wächst auch die Werkstatt. Franco investiert in neue Maschinen und erweitert Schritt für Schritt seine Produktionskapazitäten. Was mit einigen wenigen Maschinen begonnen hat, erreicht schließlich beachtliche Dimensionen. Auf dem Höhepunkt stehen in seiner Werkstatt fast 150 Maschinen, darunter rund 60 Drehbänke, die praktisch ohne Unterbrechung laufen.
Dann ändert sich etwas.
Chinesische Hersteller drängen auf den Markt und sind in der Lage, dieselben Buchsen rund 30 % günstiger zu produzieren. Bei einem Bauteil, das in großen Stückzahlen gefertigt wird, wiegt ein solcher Preisunterschied schwer und macht es zunehmend schwieriger, konkurrenzfähig zu bleiben.
Nach Jahren des Wachstums bedeutet das für Francos Unternehmen plötzlich, gegen den Wind anzukämpfen.
Ausgerechnet jener Produktionsbereich, der maßgeblich zum Wachstum seines Unternehmens beigetragen hatte, sieht sich nun einer Konkurrenz gegenüber, gegen die ein reiner Preiskampf kaum zu gewinnen ist.
Ein anderer Weg muss her.
Franco ist gezwungen, sich neu zu erfinden. Er beginnt, sich nach anderen Märkten und neuen Möglichkeiten umzusehen, bei denen er das über die Jahre aufgebaute Know-how und seine Produktionskapazitäten einsetzen kann. Nach und nach gelingt es ihm, seine Tätigkeit breiter aufzustellen, neue Aufträge zu gewinnen und seinem Unternehmen wieder neuen Schwung zu verleihen.
Der Übergang ist nicht einfach. Doch schließlich gelingt es Franco, die Zügel seines Unternehmens wieder fest in die Hand zu nehmen, die Werkstatt erneut auf Hochtouren zu bringen und eine der schwierigsten Phasen seiner Unternehmensgeschichte hinter sich zu lassen.

Bei der Arbeit an der Drehbank
5. DER ERSTE BINDESTOCK
In diesen Jahren kehrt auch eine alte Leidenschaft mit immer größerer Kraft in Francos Leben zurück: das Fliegenfischen. Eine Welt, die er bereits seit seiner Jugend kennt und die eine Zeit lang etwas in den Hintergrund gerückt war, der er sich nun aber wieder zunehmend widmet.
Rund um das Fliegenfischen findet Franco ein Umfeld voller Begegnungen, Austausch und vor allem Freundschaften, von denen einige sehr eng werden. Zu den Menschen, die in diesem Teil seiner Geschichte eine wichtige Rolle spielen, gehören Meret Giuliano, den alle nur Lallo nennen, Cosimo Schena, für seine Freunde Mimmo, Osvaldo Gilli, Massimo Ginnaneschi und Sandro Mandrini. Freunde und Gleichgesinnte, die Francos Arbeit gut kennen und genau wissen, wozu er mit einer Drehbank in der Lage ist.
In diesem Umfeld aus Gesprächen, Anregungen und neuen Bekanntschaften fällt schließlich – fast ein wenig provokativ – eine Frage, die ungeahnte Folgen haben wird.
„Bei all dem, was du kannst – warum baust du nicht selbst einen Bindestock?“
Viel Überzeugungsarbeit braucht es bei Franco nicht, um ihn für eine solche Herausforderung zu gewinnen.
Die Idee weckt seine Neugier. Er beginnt, sich bestehende Bindestöcke genau anzusehen, ihre Funktionsweise zu studieren und darüber nachzudenken, wie er sie auf seine eigene Art interpretieren könnte. Dann tut er das, was er immer tut, wenn ihm eine Idee nicht mehr aus dem Kopf geht: Er geht in die Werkstatt und versucht, ihr eine Form zu geben.
So entsteht der Cottarelli Standard, Francos erster Bindestock.
Der Standard entsteht weder als Antwort auf die Schwierigkeiten seines Unternehmens noch mit dem Ziel, daraus eine groß angelegte Produktion zu machen. Vielmehr ist er ganz einfach das Zusammentreffen zweier Leidenschaften, die in Francos Leben bis dahin nebeneinanderher gelaufen waren: das Fliegenfischen und die Mechanik.
Noch ahnt Franco nicht, dass dieser Bindestock der erste Schritt einer Geschichte sein wird, die seinen Namen unter Fliegenbindern auf der ganzen Welt bekannt machen wird.

6. GANZ OHNE GROSSES AUFHEBEN
Soziale Netzwerke gibt es damals natürlich noch nicht, und die Möglichkeiten, ein Produkt bekannt zu machen, sind völlig andere als heute. Franco wiederum hat sich nie besonders für Werbung interessiert. Seine Methode, den Standard bekannt zu machen, ist wesentlich einfacher: Er verschenkt einige Exemplare an bekannte Fliegenbinder und lässt den Bindestock und diejenigen, die ihn benutzen, für sich sprechen.
Die Strategie funktioniert, so simpel sie auch sein mag. Den Rest erledigt die Mundpropaganda. Schon bald tauchen Cottarelli-Bindestöcke auf den Bindetischen renommierter Fliegenbinder auf und finden ihren Weg in die Fliegenfischerclubs. Auch im Umfeld der IFTA macht der Name schnell die Runde, bis es irgendwann schwierig wird, jemanden zu finden, der noch keinen seiner Bindestöcke gesehen, ausprobiert oder selbst benutzt hat.
Eines der damals verschenkten Exemplare landet in den Händen von Francesco Palù, einer legendären Persönlichkeit in der Welt des Fliegenbindens.
Seine Geschichte mit dem Standard beginnt allerdings nicht gerade vielversprechend. Beim ersten Begutachten ist Palù nicht sonderlich beeindruckt, und sein Urteil fällt alles andere als begeistert aus. Mit der Zeit ändert sich jedoch etwas. Je länger er mit dem Bindestock arbeitet, desto mehr erkennt er dessen Potenzial, revidiert seinen ersten Eindruck und nutzt ihn schließlich mit großer Zufriedenheit.
Es ist nur eine kleine Episode, doch sie erzählt viel darüber, wie Francos Bindestöcke beginnen, sich einen Namen zu machen. Nicht durch Werbekampagnen oder große Vermarktungsaktionen, sondern indem sie von den Händen eines Fliegenbinders in die des nächsten gelangen und von Menschen auf die Probe gestellt werden, die tatsächlich Fliegen binden. So wird der Name Cottarelli nach und nach bekannt – durch die Qualität seiner Kreationen und die Mundpropaganda derjenigen, die mit ihnen arbeiten. Ein Bindestock nach dem anderen, ohne große Worte und vor allem ganz ohne großes Aufheben.

7. VOR ALLEM EINES: HANDWERKER
An diesem Punkt der Geschichte könnte man leicht glauben, Franco habe das kommerzielle Potenzial seiner Kreationen erkannt und begonnen, rund um seinen Namen ein Unternehmen und eine Verkaufsstrategie aufzubauen. In Wirklichkeit ist fast das Gegenteil der Fall.
Sein Interesse beginnt immer mit einem Problem, das es zu lösen gilt, setzt sich an der Drehbank fort, während eine Idee Form annimmt, und findet seine eigentliche Belohnung in dem Moment, in dem das fertige Stück in den Händen eines Menschen landet, der es benutzt und zu schätzen weiß. Dass man es anschließend auch verkaufen kann, kommt erst später – viel später.
Vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass Franco trotz der Tatsache, dass der Name Cottarelli im Laufe der Jahre zu einer weltweit bekannten Marke in der Fliegenbindeszene geworden ist, nie wirklich ein Geschäftsmann im klassischen Sinn geworden ist. Bis heute überlässt er die kommerzielle Vermarktung seiner Kreationen lieber anderen. Und nicht selten sind es gerade die Unternehmen, die seine Produkte verkaufen, die ihn bremsen müssen, wenn er sie zu Preisen anbieten möchte, die sie selbst für zu niedrig halten.
Franco ist vor allem eines: Handwerker.

8. DIE GEBURT EINER LEGENDE
Nach dem Standard folgt jenes Modell, das im Laufe der Jahre wahrscheinlich zu Franco Cottarellis bekanntestem Bindestock werden sollte: der Travel. Ein Modell, das seinen Weg auf die Bindetische zahlreicher Profis auf der ganzen Welt findet und bis heute der meistverkaufte Bindestock unter all seinen Entwicklungen ist.
Unverwechselbar macht ihn vor allem sein innovatives, vollständig zusammenklappbares Dreibein-Stativ. Eine ebenso einfache wie geniale Lösung, bei der sich die drei Standbeine platzsparend zusammenlegen lassen und der Bindestock dadurch ausgesprochen kompakt und leicht zu transportieren ist.
Als Franco den Travel entwickelt, gibt es ein solches System bei keinem anderen Bindestock. Und vielleicht noch erstaunlicher ist, dass diese Konstruktion selbst viele Jahre später noch immer ein unverwechselbares Merkmal des Travel ist.
Der Erfolg des Modells spricht schließlich für sich. Unter all den Erfindungen, die im Laufe der Jahre in Francos Werkstatt entstehen, wird der Travel zum am häufigsten verwendeten Bindestock unter professionellen Fliegenbindern.
Ein bemerkenswertes Ergebnis für einen Gegenstand, der einmal mehr aus Francos Fähigkeit entstanden ist, ein scheinbar banales Problem aufzugreifen und mit einer Lösung zu beantworten, auf die zuvor niemand gekommen war.

9. IDEEN HABEN KEINE EILE
Die Bindestöcke sind zweifellos jene Kreationen, die den Namen Cottarelli in der Welt des Fliegenbindens bekannt gemacht haben. Doch sie sind nur ein Teil dessen, was im Laufe der Jahre in Francos Kopf und seiner Werkstatt entstanden ist. Daneben entwickelt er zahlreiche Zubehörteile für das Fliegenbinden und vor allem Fliegenrollen.
Und genau bei den Fliegenrollen spüre ich während unseres Gesprächs bei Franco eine ganz besondere Begeisterung.
Der Grund dafür hat viel mit seiner Persönlichkeit zu tun. Eine Fliegenrolle ist mechanisch komplexer als ein Bindestock. Sie besteht aus mehr Einzelteilen, verlangt enge Toleranzen und technisch anspruchsvollere Lösungen. Mit anderen Worten: Sie stellt eine größere Herausforderung dar. Und bei jemandem, der sein ganzes Leben lang nach Problemen gesucht hat, die sich lösen lassen, scheint zu gelten: Je schwieriger die Aufgabe, desto größer die Freude daran, eine Lösung zu finden.
Bereits Anfang der 2000er-Jahre beginnt Franco, Fliegenrollen zu entwickeln und zu bauen. Im Laufe der Zeit entstehen mehrere Modelle, bei denen er unterschiedliche Mechanismen und technische Lösungen ausprobiert. Mehr als zwanzig Jahre lang wird jedoch keines dieser Projekte zu einem Produkt, das tatsächlich verkauft wird.
Erst 2025 schafft es schließlich eine seiner Rollen auf den Markt. Sie trägt den Namen Synchron und ist die erste von Franco Cottarelli entwickelte Fliegenrolle, die den gesamten Weg von seiner Werkstatt bis zum fertigen Verkaufsprodukt zurücklegt.
Und vielleicht lässt sich gerade an diesen mehr als zwanzig Jahren zwischen den ersten Versuchen und der Markteinführung der Synchron besonders gut verstehen, welches Verhältnis Franco zu seinen Kreationen hat. Kein Unternehmen würde mehr als zwei Jahrzehnte lang an einem Produkt entwickeln, bevor es sich Gedanken darüber macht, es zu verkaufen. Doch Franco denkt nicht wie ein Unternehmen. Er denkt wie ein Handwerker. Für ihn entsteht eine Idee nicht zwangsläufig mit dem Ziel, daraus ein Produkt zu machen. Am Anfang stehen vielmehr die Freude daran, sie sich auszudenken, sie zu bauen und herauszufinden, ob sie überhaupt funktionieren kann. Seine Ideen haben keine Eile, zu Produkten zu werden.

Alle von Franco gebauten Fliegenrollen, die nie in den Handel kamen – bis auf eine
10. DER LUXUS DER ZEIT
Wichtig ist allerdings, diese Distanz zum Geschäftlichen nicht mit Realitätsferne zu verwechseln. Über weite Strecken seines Lebens lag Francos eigentliche Arbeit woanders. Wirtschaftlich getragen wurde sein Betrieb vor allem von großen Aufträgen für mechanische Komponenten, die er im Auftrag anderer Unternehmen fertigte, während Bindestöcke und Zubehör zwar selbstverständlich ebenfalls Einnahmen brachten, aber immer einen anderen Stellenwert hatten: den einer Leidenschaft, die zugleich den Zeit- und Arbeitsaufwand rechtfertigte, den Franco in sie investierte.
Ohnehin steht hinter den Cottarelli-Bindestöcken kein großer Produktionsapparat. Franco, seine Frau und seine Tochter sind bis heute die einzigen Menschen, die Entwicklung, Konstruktion, Fertigung und Montage übernehmen. Von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt geht alles durch die Hände dieser drei Personen. Gerade diese familiäre Struktur hilft dabei, den Charakter dieser Produkte noch besser zu verstehen – setzt der möglichen Stückzahl aber natürlich auch Grenzen.
Eine Fertigung im großen Stil würde zwangsläufig eine völlig andere Organisation erfordern und wäre nur schwer mit der Art vereinbar, wie Franco immer gearbeitet hat. Müsste er ausschließlich von seinen Bindestöcken leben, könnte er sie vermutlich weder im gleichen Rhythmus noch mit derselben Freiheit bauen.
Heute, nach einem ganzen Arbeitsleben, ist Franco im Ruhestand und finanziell in einer Lage, in der seine Kreationen nicht mehr seinen Lebensunterhalt sichern müssen. Er kann sich damit leisten, was für einen Handwerker wie ihn vielleicht der größte Luxus überhaupt ist: Zeit. Zeit, zu bauen, ohne großen Stückzahlen hinterherjagen zu müssen. Zeit, eine Idee weiterzuentwickeln, ohne sich ständig zu fragen, ob sie sich wirtschaftlich rechnet. Und vor allem die Freiheit, diese Arbeit auch weiterhin in erster Linie als Leidenschaft zu leben.
Denn Leidenschaft kann der Motor hinter all dem sein, doch von Leidenschaft allein lebt man nicht. Der Unterschied besteht darin, dass Franco heute nicht mehr jede Stunde in der Werkstatt in eine wirtschaftlich produktive Stunde verwandeln muss. Und genau das erlaubt ihm, weiterhin so zu arbeiten, wie er es immer am liebsten getan hat: in seinem eigenen Tempo, gemeinsam mit seiner Familie und ohne die Zahlen den Takt seiner Arbeit bestimmen zu lassen.

11. DIE SPITZE DES EISBERGS
Hinter den Bindestöcken, Fliegenrollen und Zubehörteilen, die wir kennen, verbirgt sich eine sehr viel größere Welt aus Prototypen, Experimenten und Erfindungen, die Franco im Laufe seines Lebens entwickelt und gebaut hat.
In seinen Schubladen, auf den Regalen der Werkstatt und vermutlich auch in seinem Gedächtnis schlummern Ideen, die die Öffentlichkeit nie zu Gesicht bekommen hat. Manche blieben einfache Versuche, andere wurden zu vollständig funktionierenden Prototypen, wieder andere wurden gebaut, getestet, verändert und schließlich einfach beiseitegelegt, als Francos Neugier bereits beim nächsten Projekt angekommen war.

Fliegenrute mit zwei Blanks und mittig angeordneten Ringen
Viele dieser Kreationen wurden nie zu Produkten und werden es vermutlich auch niemals werden. Nicht unbedingt, weil sie nicht funktionieren oder nicht interessant genug wären, sondern weil es für Franco nie entscheidend war, aus einer Erfindung zwangsläufig etwas Verkäufliches zu machen. Eine Idee kann ganz einfach aus Neugier entstehen, aus Lust am Experimentieren oder aus dem Wunsch herauszufinden, ob eine bestimmte Lösung überhaupt möglich ist.

Kunstköder fürs Spinnfischen
Vielleicht ist es gerade dieser riesige, unsichtbare Teil seines Schaffens, der besser als jeder Katalog erzählt, wer Franco wirklich ist. Was wir kaufen können, ist nur die Spitze des Eisbergs all dessen, was er sich ausgedacht und gebaut hat. Alles andere gehört zu jener stilleren, persönlicheren Seite des Handwerks, in der es nicht zwangsläufig einen Markt zu erreichen, einen Preis festzulegen oder einen Kunden zu überzeugen gilt.
Denn für Franco war Erfinden nie nur ein Weg, neue Produkte zu schaffen. Es ist vor allem die Freude daran herauszufinden, ob etwas, das zunächst nur in seinem Kopf existiert, auch unter seinen Händen Wirklichkeit werden kann.
12. WENN DIE LEIDENSCHAFT DEN ANKER LICHTET
Ich hatte das Vergnügen, zwei Tage mit Franco und seiner Familie zu verbringen. In dieser Zeit habe ich ihm dabei zugehört, wie er von einigen der unzähligen Dinge erzählte, die er im Laufe seines Lebens entwickelt und gebaut hat. Jedes Mal, wenn er über eine seiner Kreationen sprach, leuchtete in seinen Augen diese ehrliche Begeisterung auf, die Menschen auszeichnet, die noch vor dem Stolz auf das Ergebnis vor allem Freude an dem Weg dorthin hatten.
Und doch gab es zwischen Bindestöcken, Fliegenrollen, Werkzeugen und Erfindungen aller Art eine Sache, die er mir offenbar mehr als alles andere zeigen wollte: sein Boot.
Es allerdings einfach nur als Boot zu bezeichnen, würde ihm kaum gerecht.
Als Franco es kauft, ist es nicht mehr als ein einfacher Aluminiumrumpf. Von diesem Moment an beginnt er, ihn nach seinen eigenen Vorstellungen umzubauen, anzupassen und zu verändern. Im Laufe der Zeit ergänzt er eine beeindruckende Vielzahl an Lösungen, die aus seinem eigenen Erfindergeist entstehen. Jeder Bereich scheint durchdacht, jeder Mechanismus erfüllt einen bestimmten Zweck, und jedes Problem an Bord scheint sich für Franco in eine weitere Gelegenheit verwandelt zu haben, etwas Neues zu erfinden.
Das Ergebnis lässt sich nur schwer beschreiben, wenn man es nicht selbst vor Augen hat. Mehr als ein Boot wirkt es wie eine riesige schwimmende Werkstatt, voller Mechanismen und handwerklich entwickelter Lösungen, in denen sich genau dieselbe Denkweise wiederfindet wie in seinen Bindestöcken und Fliegenrollen.
Und genau beim Anblick dieses Bootes verliert der Beiname, mit dem ich Franco am Anfang dieser Geschichte vorgestellt habe, plötzlich jeden Anflug von Übertreibung. Wenn man vor diesem Boot steht, mit all seinen Mechanismen, Umbauten und Erfindungen, fällt es schwer, nicht das Gefühl zu haben, etwas vor sich zu sehen, das direkt aus einer Zeichnung Leonardo da Vincis stammen könnte.
Nur dass Leonardo diesmal im Val Chiavenna lebt.

Die Kreation, auf die Franco wohl am stolzesten ist: sein Boot
13. AM ENDE: FRANCO
Am Ende dieser Geschichte könnte man vielleicht denken, ich hätte manche Aspekte von Francos Leben und seiner Persönlichkeit etwas zu stark betont. Vielleicht stimmt das sogar. Nachdem ich jedoch das Privileg hatte, Zeit mit ihm und seiner Familie zu verbringen, würde es mir schwerfallen, völlige Unparteilichkeit vorzutäuschen.
Ich habe außergewöhnliche Menschen kennengelernt und vor allem die Gelegenheit bekommen, den Menschen hinter jenem Namen kennenzulernen, mit dem diese Geschichte begonnen hat.
Und vielleicht ist genau das der Aspekt an Franco, der mich am meisten beeindruckt hat.
Hinter Jahrzehnten voller Erfindungen, Bindestöcken, die auf der ganzen Welt verwendet werden, Fliegenrollen, Maschinen und einer kaum überschaubaren Zahl von Dingen, die in seinem Kopf entstanden und durch seine Hände Wirklichkeit geworden sind, habe ich einen Menschen von entwaffnender Bodenständigkeit kennengelernt. Franco erzählt von dem, was er geschaffen hat, mit der Begeisterung eines Jungen – ohne dabei jemals den Eindruck zu erwecken, jemandem beweisen zu wollen, wie außergewöhnlich seine Leistungen sind.
In ihm steckt eine ganz natürliche, beinahe unbewusste Bescheidenheit. Jene seltene Form von Bescheidenheit, die Menschen auszeichnet, die niemandem erklären müssen, was sie wert sind, weil sie ein ganzes Leben lang ihre Arbeit für sich sprechen ließen.

Gabriele und Franco