26.06.2017 00:00 | 0 Kommentare

Was ist European Nymphing? Sandro Soldarini erklärt es!

Ein Gastbeitrag von Sandro Soldarini, übersetzt von Markus Heiss (c), auszugsweise und abgeändert in der Zeitschrift Fliegenfischen 6/15 erschienen

1. Ein kurzer Blick zurück

Im letzten Jahrzehnt ist es beim Fliegenfischen mit der Nymphe zu beachtlichen Innovationen gekommen, sowohl in Bezug auf die Entwicklung verschiedener Nymphentechniken für unterschiedliche Situationen als auch was die Ausrüstung betrifft, welche immer spezifischer und gleichzeitig leistungsfähiger wurde. Die Wiege der modernen Nymphentechniken ist Europa - vor allem dank der osteuropäischen Länder hat das Nymphenfischen in den letzten Jahren einen regen Zulauf erfahren und wird nicht mehr nur als "Notlösung" gesehen, falls mit der Trockenfliege nichts läuft.

Dank der Innovationen aus dem Bereich der internationalen Wettkampf-Fliegenfischerszene, wurden hier in Europa verschiedene Techniken zum Nymphenfischen entwickelt - jede mit ihren eigenen Besonderheiten – und alle aus dem Anspruch heraus, in der jeweiligen Gewässersituation effektiv zu sein. Wenn für eine lange Zeit das Czech Nymphing als innovativste und populärste Technik angesehen wurde (bzw. oft auch verdammt wurde), hat sich bald danach die viel raffiniertere Technik des French Nymphing entwickelt.

Diese beiden Techniken wurden nicht zuletzt dank der großen Rivalität innerhalb der internationalen Wettkampfszene bekannt, denn sowohl Frankreich als auch Tschechien - beide gehören mit Abstand zu den besten Wettkampf-Fliegenfischernationen - belegten in den letzten Jahren immer die ersten Plätze der Weltrangliste - und dies trotz der komplett unterschiedlichen Techniken (was nicht heißt, dass es keine Gemeinsamkeiten gibt).

In beiden Nationen, welche über eine lange Tradition im Fliegenfischen mit der Nymphe verfügen, ist es in den letzten Jahren zu einer Art Verschmelzung von Czech Nymphing und French Nymphing gekommen und man spricht heute allgemein vom "Nymphenfischen mit dem langen Vorfach" oder "European Nymphing".

Sandro Soldarini beim European Nymphing in einem langsam fließenden Abschnitt der Ahr in Südtirol (2015)

Die beiden Schulen hatten ursprünglich einen ganz anderen Ansatz, sowohl in der Methodik als auch in der Wahl der Ausrüstung und der künstlichen Nymphen. In ständigem Kontakt mit beiden Schulen, erkannte ich, dass sie in den letzten Jahren immer mehr verschmolzen sind und sich dadurch verbessert haben, indem sie von der jeweils anderen Technik die Vorzüge übernahmen. So verschmolzen zählt diese neue Technik zu den dynamischsten und effektivsten der letzten beiden Jahrzehnte.

Dominiert wird diese Technik durch den Einsatz von sehr langen Vorfächern, gerne zwischen 8-10 m, aus weichem Nylon mit sehr geringen Memory-Effekt. Die Französische Nymphenfischer-Schule hatte immer schon die Verwendung von 5-6 m langen Vorfächern vorgesehen, wodurch die eigentliche Fliegenschnur während des Fischens so gut wie nie zum Einsatz kam und selten aus dem Spitzenring der Rute hervorragte. Ganz ähnlich die Tschechische Schule, wo die Vorfachlänge allerdings nie 3 m überschritt und die Fischerei sich praktisch nur auf den Bereich unter der Rutenspitze konzentrierte (die Fliegenschnur kam ebenfalls so gut wie nie zum Einsatz).

Beide Techniken nutzten nur das Vorfach (und nicht die Fliegenschnur), allerdings mit dem zentralen Unterschied, dass in unterschiedlicher Entfernung gefischt wurde:

  • French Nymphing konzentriert sich auf wenige-meter-kurze Driften (nicht zu verwechseln mit der eher langen Wurfdistanz) sowie wiederholte und präzise Würfe, oft mit nur einer Nymphe.
  • Czech Nymphing setzt auf lange Driften von ganz stromaufwärts bis ganz stromabwärts (nicht zu verwechseln mit der sehr geringen Wurfdistanz) und die Verwendung von nie weniger als zwei, wenn nicht drei Nymphen.

Tatsache ist, dass trotz der Unterschiede auch das French Nymphing generell eher zu den kurzen Nymphenfischtechniken gezählt wird, wie das Czech Nymphing. Im Laufe der Zeit wurde der Aktionsradius beim French Nymphing dann auf 6-7 Meter ausgedehnt, was bei skeptischen Fischen ein bedeutender Vorteil ist.

Vor allem die Tatsache, dass in beiden Nationen zwei grundsätzlich verschiedene Gewässertypen zur Verfügung stehen, hat dazu geführt, dass sich zwei ähnliche und doch verschiedene Techniken entwickelt haben:

  • Die für das Czech Nymphing idealen Gewässer sind nicht glasklar, sondern leicht trüb, schnell und auch turbulent fließend, der Zielfisch ist die Äsche.
  • Im Gegensatz dazu ist das ideale French Nymphing Gewässer glasklar, mit niedrigem Wasserstand und von äußerst vorsichtigen Forellen (und auch Äschen) bewohnt.

2. European Nymphing, oder Nymphenfischen heute

Dank des Generationswechsels in der Wettkampfszene sind beide Techniken mittlerweile zu einer verschmolzen, die in der Lage ist, sich beiden Situationen anzupassen: European Nymphing. Das Hauptmerkmal dieser Technik ist wie gesagt im Wesentlichen die Verwendung von:

  • langen Vorfächern,
  • einem gut sichtbaren "Indicator" aus 15-20 cm langem Monofilament (also nur ein meist fluofarbenes Stück Nylon). Wieso wir hier von "Indicator" also "Anzeiger" und nicht von "Bissanzeiger" sprechen, erfährst Du weiter unten.
  • sowie eine sehr leichte Ausrüstung.

Sandro Soldarini European Nymphing

Sandro Soldarini beim European Nymphing in einem langsam fließenden Abschnitt der Ahr in Südtirol (2015)

Sandro Soldarini European Nymphing

Sandro Soldarini beim European Nymphing in einem schnell fließenden Abschnitt der Ahr in Südtirol (2015)

2.1. Das lange Vorfach

Die am häufigsten verwendeten Vorfächer sind, je nach Gewässertyp, zwischen 4,5 und 10 m lang. Es gibt zwei verschiedene Profiltypen:

  • ein konisches Vorfach, das es uns ermöglicht, auch kleine Nymphen zielgenau auf kurze bis mittlere Distanzen zu präsentieren
  • ein sog. Level-Vorfach (wenig oder gar nicht verjüngt), welches zum Fischen mit schweren Nymphen auf weite Distanzen unverzichtbar ist.

Auch die Farbe des Vorfachs kann uns behilflich sein, wobei die knallig farbigen für große Flüsse und die tarnfarbenen bzw. durchsichtigen für kleinere und schwierige Gewässer zu empfehlen sind. Wichtig ist, wie bereits eingangs erwähnt, dass die Vorfächer aus sehr weichem Material bestehen und so wenig als möglich Memory-Effekt haben.

In kleinen und engen Gewässern ist eine Vorfachlänge zwischen 4,50 und 6 m vollkommen ausreichend, während in großen Flüssen 8 bis 10 m sinnvoll sind. Entgegen der landläufigen Meinung wird bei dieser Technik oft auf lange Distanz gefischt. Die Herausforderung für den Fliegenfischer besteht darin, lange natürliche Driften zu meistern, ohne die Fliegenschnur zu verwenden. Diese Technik ist in flachen und schwierigen Gewässern ungemein effizient, kann aber mit der richtigen Geräteabstimmung in allen Gewässern sehr erfolgreich betrieben werden.

Verschiedene sehr lange Vorfächer zum European Nymphing

Verschiedene sehr lange Vorfächer zum European Nymphing

2.2. Der gut sichtbare "Indicator"

Ein wesentlicher Teil des richtigen set up ist der "Indicator" aus farbigem Monofil, der uns hilft, jederzeit den "Weg" der Nymphe zu verfolgen bzw. deren Position zu erahnen, als auch die vorsichtigsten Bisse zuverlässig anzuzeigen. Bei dieser Art mit der Nymphe zu fischen handelt es sich um eine Technik, bei der oftmals unsere Wahrnehmung den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht - der "Indicator" ist demzufolge primär nicht dazu da, als "verlässlicher Anzeiger eines Bisses" zu dienen, wie es der klassische "Strike indicator" (Bissanzeiger) ist.

Die primäre Funktion des "Indicator" ist es, uns zu erlauben, die komplette Drift so präzise als möglich zu kontrollieren und zu steuern, denn der Indicator ermöglicht es uns, die Position der Nymphe sehr gut zu erahnen. Der "Indicator" ist im übertragenen Sinn das Sichtfenster in den Unterwasserbereich, das uns das "korrekte Manövrieren" der Nymphe ermöglicht.

Es gibt "Indicators" in unterschiedlichen Farben, auch zweifärbig, und grundsätzlich in drei unterschiedlichen Ausführungen:

  • als normales gefärbtes Monofilament von 15-20 cm Länge,
  • als spiralenförmig bzw. federartig verarbeitetes Monofilament,
  • mit sehr kleinen färbigen Harztropfen in Kügelchenform

Das einfache Stück farbiges Monofilament von 15-20cm Länge ist die einfachste, die am weitesten verbreitete und die für Anfänger mehr als ausreichende Variante.

Spiralenförmiger Indicator aus zweifarbigem Monofil

Spiralenförmiger Indicator aus zweifarbigem Monofil

Der wesentliche Unterschied dieser Nymphentechnik mit langem Vorfach liegt in der Tatsache, dass wir gleich mehrere schlagende Vorteile haben:

  • Jede einzelne Drift ist präziser & effektiver
  • Die Nymphen driften natürlicher ab
  • Der Hauptvorteil liegt aber darin, dass es praktisch kein Dreggen mehr gibt, das durch die Verwendung der Fliegenschnur verursacht würde. Durch das Fehlen der Reibung der Fliegenschnur können kleine Nymphen sehr effizient gefischt werden, da sie sehr schnell absinken. Es ist klar, dass wir beim Nymphenfischen mit dieser Technik die meiste Zeit nur das Vorfach, nicht aber die Fliegenschnur zwischen unseren Fingern halten werden.

Mit dieser Fliegenfischertechnik können wir sowohl mit schweren Nymphen in einem großen und tiefen Fluss, als auch mit kleinen Nymphen in seichten und schwierigen Gewässern erfolgreich fischen. Wenn diese moderne Technik richtig praktiziert wird, stellt sie eine sehr ausgefeilte bzw. raffinierte Art dar, mit der Nymphe zu fischen - besonders auf mittlere bis lange Distanzen.

2.3. Die sehr leichte Ausrüstung

Um nur mit dem (langen) Vorfach fischen zu können, ist eine darauf abgestimmte Ausrüstung zwingend notwendig: vorzuziehen sind Fliegenfischerruten mit parabolischer Aktion, von 9 Fuß Länge für kleinere Bäche, bis zu 10‘6 oder 11 Fuß Länge für große Flüsse. Wichtig ist es außerdem Ruten für leichte Schnurklassen zu wählen, also von #2 bis #4. Nur mit dieser Art von Ruten kann man effizient und genau fischen, rein das Gewicht vom Vorfach und der Nymphe ausnützend. Die Verwendung einer schwereren Ausrüstung wäre aufgrund des sehr leichten Wurfgewichts extrem unpraktisch, wenn nicht unmöglich. Die weichen Ruten helfen, neben der Präzision im Wurf, um Fluchten von Forellen und Äschen am dünnen Vorfach optimal und kontrolliert zu bewältigen. Meiner Meinung nach ist eine 10 Fuß lange Rute der Schnurklasse # 3, mit parabolischer, mittelschneller Aktion, die vielseitigste Rute, um die meisten Situationen am Wasser effizient zu meistern.

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Wie bei allen anderen Techniken des Nymphenfischens sind die Genauigkeit und das korrekte Abdriften der Nymphe der Schlüssel zum Erfolg. Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass die Nymphe in derselben Geschwindigkeit wie die Strömung treiben soll. Wenn sie zu schnell unterwegs ist, bedeutet dies, dass sie nicht korrekt "arbeitet" bzw. zu hoch schwimmt. Umgekehrt, also wenn die Nymphe zu langsam driftet, wird sie sich nur allzu leicht am Gewässergrund verfangen und zugleich unnatürlich wirken.

Eine kurze Erwähnung zur Vorfachspitze ("Tip") scheint mir wichtig. Als Faustregel sollte der Abstand vom "Indicator" zur Nymphe ungefähr gleich groß bzw. größer als die Gewässertiefe sein, die wir "sondieren" möchten. Das bedeutet, dass sich der "Indicator" ungefähr an der Wasseroberfläche bzw. knapp darüber befindet.

Als Vorfachspitzenmaterial empfehle ich Fluorocarbon, besonders für dünne Vorfachstärken von 0,12 bis 0,14 mm. Dadurch sinken kleine Nymphen sehr schnell ab und bewegen sich natürlich. Insgesamt ist beim Nymphenfischen die Verwendung von Flurocarbon sehr anzuraten – erstens da es schneller sinkt als Nylon und zweitens da es beständiger gegen Abrieb ist, was besonders bei dünnen Vorfächern entscheidend ist!

In Bezug auf die Nymphen werden kleine Muster und "spärlich bekleidete" bevorzugt, da sie aufgrund des geringeren Widerstandes besser geeignet sind, schnell abzusinken. Normalerweise wird mit zwei künstlichen Nymphen gefischt. Für Gewässer, an denen höchste Wurfpräzision von Nöten ist, ist allerdings meistens eine einzige Nymphe vorzuziehen.

Äsche mit Perdigon-Nymphe

Äsche auf Pérdigon-Nymphe Hakengröße # 12 (ziemlich großer Haken für eine Pérdigon Nymphe)

Meist wird diese Technik stromaufwärts gefischt, vor allem an kleinen und mittleren Fließgewässern, während an großen Flüssen auch flussabwärts gefischt werden kann.

Ich bin mir sicher, dass auch Du mit ein wenig Geduld diese neue Art der Interpretation der Nymphenfischerei zu schätzen wissen wirst und sich mit ein wenig Übung Deine Fänge exponentiell erhöhen werden.

Sandro Soldarini
 


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